21 Mai 2018;
Pfingstferien
 

Ich bin ein Berliner

„Ich bin ein Berliner!“

Endlich war es wieder soweit: Die Schüler der 9. Klassen durften bei ihrer Abschlussfahrt die Bundeshauptstadt Berlin besuchen. Vom 6. bis 10. Oktober ging es in die Metropole an der Spree, um den Politikern ein wenig über die Schultern zu schauen.

Untergebracht waren die 47 Schüler in der gut ausgestatteten Jugendherberge in Potsdam, von wo aus uns „Hans“, ein stets gut gelaunter Busfahrer der Firma Ebenbeck, täglich in die City kutschierte und so manche Engstelle mit Bravour meisterte.

Gleich am ersten Abend wollten wir Berlin bei der Aktion „Berlin leuchtet“ erkunden – leider eine etwas enttäuschende Aktion. Der Potsdamer Platz erstrahlte nicht anders als sonst, das überdachte Sony-Center begeisterte mit seinen gigantischen Bauten und strahlenden Fassaden. Auch das Brandenburger Tor erstrahlte wie gewohnt im hellen Licht und nicht nur die Fahrradkutscher erfreuten sich am lukrativen und wohl unerwarteten Geschäft mit unseren fahrradbegeisterten Schülern. Lediglich die Schiffe auf der Spree und der Hauptbahnhof hatten zusätzlich Strahler und Lichteffekte installiert. Im Bahnhof verwirrten die übereinanderliegenden Zugebenen und die zahlreichen, rund um die Uhr geöffneten Geschäfte. Die immer hungrigen Schüler kamen hier voll auf ihre Kosten.

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen von Geschichte und Politik. Nach dem beklemmenden Besuch im Stasigefängnis Hohenschönhausen konnte die bunte East-Side-Gallery ein wenig Farbe in die Stimmung bringen. Am Alex tauchten die Schüler dann in ein Gewirr aus Menschenmassen, Tanzgruppen und Einkaufszentren ein. Beim Gang unter den Linden, vorbei an repräsentativen Gebäuden und Botschaften, drängte die Zeit für das nächste Highlight, den Besuch des Bundestages.

Nach ausgiebiger Kontrolle wartete ein smarter „Joop-Typ“ mit Humor und guter Kleidung auf unsere Gruppe. Auf der Besuchertribüne erfuhren die Schüler dann viel über die Abläufe im „Hohen Hause“. Anschließend ging es in einen kleinen Arbeitsraum, wo wir von unserem Bundestagsabgeordneten Herrn Rainer aus Haibach empfangen wurden. Der etwas abgekämpft wirkende Politiker kam in Begleitung seines juristischen Beraters und machte uns in einer anschaulichen Darstellung klar, wie anstrengend zurzeit der Job als Abgeordneter ist. Allein dass Niederbayern aus seiner Heimatregion vor ihm sitzen und er wieder für kurze Zeit seinen Dialekt pflegen könne, mache ihn glücklich. Nach diesem Gespräch war der Kuppelbesuch angesagt. Bei Nacht war das für die Schüler ein ganz besonderes Ereignis – ganz zu schweigen von der grandiosen Architektur. Von den vielen Bildeindrücken ermattet, ging es dann heim nach Potsdam – wo man erschöpft in die Betten fiel. Sehr zum Wohle der Lehrer herrschte nach kurzer Zeit angenehme Ruhe.

Tag drei begann auf dem Ku´damm mit dem Museum „The Story of Berlin“, einer sehenswerten Show der geschichtlichen Entwicklung Berlins. Abgerundet wurde dieser Museumsbesuch mit der Besichtigung des größten Atombunkers tief unter den Wohnhäusern. Das geschützte Gelände in einer Tiefgarage war bis vor Kurzem im Kriegsfall noch voll nutzbar. Alle Einrichtungen vom Feldbett bis zu den Luftschleusen waren erhalten. Die Wärme in den teilweise engen Räumen ließ erahnen, was im Ernstfall auf die weit über tausend Hilfesuchenden wohl zugekommen wäre.

Nach einem kurzen Marsch zur Gedächtniskirche, wo der Kontrast zwischen der Ruine und dem Neubau sehr eindrucksvoll zu erkennen ist, war das berühmte KaDeWe angesagt. Hier konnten die Schüler ein wenig an Luxus und Eleganz schnuppern – und von Uhren im Wert von mehreren tausend Euro träumen. Aber im Umkreis dieses Luxustempels kamen die Schüler in zahlreichen Geschäften und Einkaufszentren doch noch voll auf „ihre“ Kosten. Der restliche Nachmittag stand im Zoo mit Aquarium zur freien Verfügung. Neben den großen Gehegen war der „Dunkelzoo“ unter der Erde interessant. Hier konnte man nachtaktive Tiere beobachten und Fledermäuse in voller Aktion sehen. Anschließend brachte uns „Hans“ wieder gesund und schon wieder ein wenig abgeschlafft zum Abendessen in die Jugendherberge. Kickern, Billard und andere Aktivitäten rundeten den Abend ab.

Der letzte Aktivtag begann mit dem Besuch der Gedenkstätte Berliner Mauer. Hier konnten die Schüler am „Todesstreifen“ und an der Fotowand der erschossenen Flüchtlinge erahnen, was es bedeutet, eingesperrt in einer Diktatur zu sein. Dass auch ein Baby unter den Opfern war, konnten die Schüler gar nicht fassen.

Im Museum für Naturkunde stand die Evolution im Vordergrund. Gewaltige Sauriere begrüßten unsere Schüler. Im Innern konnten dann viele Versteinerungen und Funde von urzeitlichen Tieren bewundert werden. Im Zentrum der Ausstellung stand jedoch die Präparation von Tieren. In einer Ausstellung wurden tausende „eingeweckter“ Tiere präsentiert und die exakte Darstellung von Präparationsmethoden erzeugte bei manchen ein mulmiges „Bauchgefühl“.

Das verschwand jedoch schnell wieder bei der nächsten Etappe, dem Currywurst-Museum. Hier probierten die Schüler Würste mit und ohne Haut oder mit Kräuterbrät und drei verschiedenen Soßen. Was in Berlin unter „scharf“ zu verstehen ist, musste Herr Rauschendorfer leidvoll erfahren. Schon nach dem ersten Bissen verzog sich sein Gesichtsausdruck bedenklich und viel Wasser und eine Stulle mussten zur Rettung herbeigeschafft werden. Beim Checkpoint-Charly genossen nicht nur unsere attraktiven Mädchen den leider kostenpflichtigen Fototermin am berühmten Grenzhäuschen. An den jungen Damen hatten die gestrengen Grenzschützer durchaus ihre Freude! Für einen Teil der Schüler war der nahe gelegene Mc Donalds leider interessanter.

Zum Schluss des Nachmittags wurde noch die Gedenkstätte für die ermordeten Juden besucht. Nach einem kurzen Spaziergang über das ehemalige SS-Hauptquartier durchschritten die Schüler geschlossen das Mahnmal. Dabei spürten sie deutlich, wie mit zunehmender Nähe zum Zentrum die Luft kühler und der Gesamteindruck dunkler und beklemmender wurde. Beim Weg nach draußen wurde das „aufgehende“ Licht als Befreiung und Erleichterung empfunden – ein Eindruck, der den vielen Ermordeten verwehrt wurde. Auf der Straße des 17. Juni erwartete uns dann wieder der Busfahrer, um uns so schnell wie möglich zum Abendessen und Styling zu bringen. Denn jetzt war noch die Blue-Man-Group angesagt, und da wollte man gut gerichtet sein. Dass man sich zu dieser Show durchaus etwas legerer kleiden durfte, wurde besonders den vorderen Reihen schnell klar. Sie wurden nämlich mit großen Regenhüllen ausgestattet, um den Angriffen der drei Blaumänner nicht gänzlich schutzlos ausgeliefert zu sein. Die sprühten nämlich nicht nur vor guten Ideen und viel Humor, sie trommelten bunte Farbe in die Luft, spuckten eklige farbige Materialien durch den Raum und ließen damit auch so manchen Besucher nicht ungeschoren. Da hatte dann der eine oder andere Farbe im Gesicht und eine arme Besucherin die herausgewürgte Masse eines Blaumanns in ihrer Handtasche. Ein besessener Schlagzeuger machte im Hintergrund ordentlich Dampf und bunte Ballons und reichlich Klopapier ließen manchen Besucher ausflippen. Nach gut eineinhalb Stunden war der Zauber vorbei und nach einem Fototermin mit den Darstellern ging es spätabends in die Jugendherberge zurück.

Um die Fahrzeit von „Hans“ nicht zu strapazieren, mussten wir am nächsten Tag bis 10 Uhr warten, um endlich die Heimreise antreten zu können. Jetzt konnte man sich ein wenig ausruhen und die Stille im Bus ließ vermuten, dass die Woche nicht ganz spurlos an den Schülern vorbeigegangen ist.

Der eine oder andere wird sich aber vom Flair der Großstadt, ihren bunten Lichtern und den Menschen aus allen Herren Ländern beeindrucken haben lassen und ein wenig Verständnis für den berühmten Spruch des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy aufbringen, der dereinst beim Besuch des damals noch geteilten Berlins gesagt hat: „Ich bin ein Berliner!“.

F. Mayr

Back to top